Der Fall Kunschak

Arbeiterbewegung

Paul Kunschak vor Gericht

Ein Arbeiter glaubt den Versprechen der Sozialisten an eine bessere Zukunft zu sehr. Als diese, zumindest für ihn, nicht sofort eintritt, rächt er sich an einem prominenten Vertreter.

Nicht nur ausbeuterische, blutsaugende Chefs wurden (und werden) Opfer ihrer vorher gequälten, unterdrückten Untergebenen. Auch Vertretern der eigenen Klasse - Funktionären der Arbeiterbewegung - konnte, seltener natürlich, aber doch, ein ähnliches Schicksal, aus ähnlichen Motiven drohen.

Am 11. Februar 1913 hatte Franz Schuhmeier, Abgeordneter zum österreichischen Reichstag der sozialistischen Partei, an einer Wahlversammlung in Stockerau, einer Kleinstadt nordwestlich von Wien, teilgenommen und fuhr mit dem Spätzug wieder in die Hauptstadt zurück.

Schuhmeier war einer der führenden, sicher aber einer der bekanntesten Funktionäre der Partei. Vor allem als Redner ein Naturtalent, konnte er es als einziger mit dem ebenso begabten Vertreter der ideologischen Gegenseite, dem populären Wiener Bürgermeister Karl Lueger, dem "schönen Karl", aufnehmen.

Schuhmeiers Lebenslauf war beispielhaft für einen Vertreter der Arbeiterbewegung. 1864 in Ottakring, damals noch einem Vorort von Wien, geboren, stammte er aus äußerst einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Bandmachergehilfe, seine Mutter Heimarbeiterin.

Mangels Unterstützung war ihm der Besuch einer höheren Schule verwehrt. Als Hilfsarbeiter in einer Papierfabrik bildete er sich autodidaktisch, in Bildungsvereinen und sogenannten Raucherklubs, Vorformen der sozialistischen Parteiorganisation in der Verbotszeit. Als diese 1900 zum ersten Mal zu den Wahlen zugelassen wurde, siegte er überzeugend gegen den christlich-sozialen Gegenkandidaten und zog für seinen Bezirk, zusammen mit dem Kollegen Reumann aus Favoriten, als erster sozialistischer Abgeordneter in den Wiener Gemeinderat.

Der Zug aus Stockerau war um 22 Uhr 37 pünktlich am Wiener Nordwestbahnhof angekommen. Als Schuhmeier vom Bahnsteig aus in die Ankunftshalle ging, trat plötzlich ein jüngerer, unauffällig gekleideter Mann auf ihn zu, zog ohne Vorwarnung eine Pistole aus der Jackentasche, schrie: "Das ist meine Rache" und schoss sofort. Schuhmeier brach, tödlich in den Kopf getroffen, zusammen. Reisende und Passanten stürzten erschreckt zu den Ausgängen, aber zwei mutige Eisenbahnbeamte hielten den Attentäter fest. "Auslassen, ich mache nichts mehr, ich habe meine Tat vollbracht", soll er, völlig ruhig, gesagt haben. [...]

 

Informationen im Internet:

Wikipedia-Artikel über Franz Schuhmeier

Hörprobe (4:37)
"Arbeiterbewegung: Der Fall Kunschak"
aus der Reihe "Mordsarbeit"
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Credits

Henner Kotte, Jahrgang 1963, ist ein in Leipzig lebender und arbeitender Autor, Redakteur, Moderator, Regisseur, Theaterkritiker und Stadtführer. Er ist vor allem für seine in Leipzig spielenden Kriminalromane bekannt geworden.

Christian Lunzer wurde 1943 geboren und lebt als Buchhändler und Verleger in Wien. Er war Lehrbeauftrager für Publizistik an der Donau-Universität Krems und hat sich auch als Sachbuchautor einen Namen gemacht.

Claus Vester, 1963 in Düsseldorf geboren, sammelte bereits während seines Studiums erste Erfahrungen in der freien Münchner Theaterszene und bei einem Tourneetheater. Neben seiner Arbeit als Hörbuch-Regisseur steht er seit einigen Jahren auch als Sprecher zahlreicher Hörbuch-Produktionen vor dem Mikrofon.

 

Enthalten im Hörbuch (Audio-CDs):

Mordsarbeit

Henner Kotte, Christian Lunzer, Claus Vester (Spr.)
Wenn Kollegen Mörder werden...
4 CDs, ungekürzte Lesung, ca. 274 Min.
2012, cc-live (Vertrieb: steinbach sprechende bücher)

16,99 €                                    » Online bestellen