Der Fall Hubert R.

Weg aus der Armutsfalle

Mauerbach - Google Maps

In diesem irdischen Leben gibt es kein Entkommen aus der zugeschnappten Armutsfalle, vielleicht aber im besseren Jenseits?

Einmal in der Falle gefangen, gibt es kaum eine Möglichkeit, ihr zu entkommen. Aussichtslosigkeit, Ohnmacht und keine Hoffnung auf Besserung schlagen sehr schnell in Aggression um, nicht gegen die anonymen, unfassbaren Verursacher, sondern gegen sich selbst. Nur ein einziger Weg aus der Falle, aber nicht mehr in dieser Welt.

Griechenland, zum Krisenstaat par excellence gemacht und mit Sparpaketen eingedeckt, die die Bevölkerung abzuleisten hat, hatte eine der niedrigsten Selbstmordraten Europas. Hatte - denn die Selbstmordrate stieg und steigt beängstigend, epidemieartig.

Nur ein paar Beispiele aus zwei Sommerwochen 2012, wie sie vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet werden - alle mit identischen Motiven:

Am 16. Juli erhängte sich ein Geschäftsmann, Vater dreier Kinder, in einem Laden in Kreta, am 12. Juli ein Mann in Patras, am 25. Juli ein Mann auf dem Peleponnes. Am 3. August erschoss sich ein Mann bei Olympia, am 5. erhängte sich ein Fünfzehnjähriger in Pieria, am 6. August tötete sich ein 60jähriger ehemaliger Fußballspieler durch Selbstverbrennung in Chalkis.

Wie der Selbstmord des Apothekers, der sich am 4. April am Syntagma-Platz im Zentrum Athens erschossen hatte, werden viele Selbstmorde in der Öffentlichkeit unternommen, offenbar als Signal an die nicht greifbaren Verursacher der ausweglosen und hoffnungslosen Situation.

Ein Weg auch für die, für die man sorgen wollte, für die man sich verantwortlich fühlt?

Beispielhaft und stellvertretend für viele eine "Familientragödie" aus der unmittelbaren Vergangenheit: Hubert R. hatte als Fahrer für die Wiener Untergrundbahn gearbeitet. Kollegen schätzten ihn als äußerst gewissenhaften, verlässlichen Mitarbeiter. Ein schweres Lungenleiden zwang ihn jedoch, die Arbeit aufzugeben und um Invalidenrente anzusuchen. Sie war nicht hoch, da Hubert R. noch keine fünfzig Jahre alt war und daher auch keine langen Versicherungszeiten aufweisen konnte. Noch im Vertrauen auf seinen sicheren Arbeitsplatz hatte er eine große Familie gegründet, mit vier Töchtern, von denen nur die älteste schon auf eigenen Füßen stand. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes war der Verlust der Dienstwohnung verbunden. Die Familie musste in das kleine Einfamilienhaus der Schwiegermutter in Mauerbach ziehen - einem kleinen Dorf im Wienerwald, zwanzig Kilometer von Wien entfernt. Im Dachgeschoß standen der Familie knappe neunzig Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, im Parterre wohnte die alte, hörbehinderte Frau.

Hubert R. fand an seinem neuen Wohnort keine Möglichkeit, zusätzlich Geld zu verdienen. Nur hin und wieder half er beim Austragen der Zeitungen. Seine Frau Sylvia, mit drei unversorgten Kindern zu Hause, musste eine Stelle als Minderbeschäftigte im örtlichen Kinderhort annehmen und half in der Pfarrkanzlei. Bei allen zuständigen Behörden hatte die Familie einen guten Ruf, die Eltern kümmerten sich ausreichend um ihre Kinder und nahmen an allen Schulaktivitäten teil, wie Lehrerin und Bürgermeister bestätigten. Daher hatte die Fürsorge auch keine Bedenken, ihnen ein Pflegekind, die neunjährige Melanie, anzuvertrauen. Das Pflegegeld war sicher ein willkommener, notwendiger Zuschuss zum Haushaltsbudget. Dass es trotz allem finanzielle Probleme geben musste, war klar. Das geringe Einkommen der Frau und die kleine Rente des Mannes konnten für die große Familie mit vier heranwachsenden Mädchen nicht ausreichen.

Am späten Abend des 10. Januar 2006 klopfte die Ehefrau Sylvia R. verzweifelt an die Tür des Nachbarhauses. Verletzt, blutüberströmt und barfuß hatte sie sich durch den hohen Schnee schleppen müssen. "Helfen sie mir bitte, mein Mann schlägt mich, er dreht durch." [...]

 

Informationen im Internet:

Wikipedia-Artikel über Mauerbach

Artikel in derStandard.at: 'Ein unauffälliger Vierfachmörder - Beziehungsmorde in Wien' (15.1.2006, 21:21)

Spiegel-Artikel 'Der letzte Vorhang' (Heft 33-2012)

Hörprobe (6:15)
"Weg aus der Armutsfalle: Der Fall Hubert R."
aus der Reihe "Mordsarbeit"
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Downloadmöglichkeiten

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Credits

Henner Kotte, Jahrgang 1963, ist ein in Leipzig lebender und arbeitender Autor, Redakteur, Moderator, Regisseur, Theaterkritiker und Stadtführer. Er ist vor allem für seine in Leipzig spielenden Kriminalromane bekannt geworden.

Christian Lunzer wurde 1943 geboren und lebt als Buchhändler und Verleger in Wien. Er war Lehrbeauftrager für Publizistik an der Donau-Universität Krems und hat sich auch als Sachbuchautor einen Namen gemacht.

Claus Vester, 1963 in Düsseldorf geboren, sammelte bereits während seines Studiums erste Erfahrungen in der freien Münchner Theaterszene und bei einem Tourneetheater. Neben seiner Arbeit als Hörbuch-Regisseur steht er seit einigen Jahren auch als Sprecher zahlreicher Hörbuch-Produktionen vor dem Mikrofon.

 

Enthalten im Hörbuch (Audio-CDs):

Mordsarbeit

Henner Kotte, Christian Lunzer, Claus Vester (Spr.)
Wenn Kollegen Mörder werden...
4 CDs, ungekürzte Lesung, ca. 274 Min.
2012, cc-live (Vertrieb: steinbach sprechende bücher)

16,99 €                                    » Online bestellen